Freitag, 23. Juni 2017

In eisigen Höhen

Oh holde Kunst - mit diesen Worten beginnt Schuberts "An die Musik", unser erstes Lied im öffentlichen Vortrag, angestimmt abends um neun mit weit geöffnetem Fenster. Teresas Stimme füllt die Straße, kollidiert mit den vorbeirauschenden PKW, und ich kose möglichst behutsam die dazugehörigen Klaviertasten. Zunächst ist der Gehsteig unterm Fenster menschenleer, aber bald nähern sich Passanten, die neugierig stehen bleiben und lauschen. Einer unserer Nachbarn, ein erklärter Klassik-Fan, eilt aus dem Haus und feuert an. Mit ruhigen Atemzügen versuche ich meine Aufregung zu bekämpfen, was aber kaum gelingt. Immer wieder patze ich, und jeder Patzer füttert die Neigung, mit den Fingern zu zittern und danebenzugreifen. So könnte sich Goethe gefühlt haben, als er das Straßburger Münster erklomm, und bei Schuberts "Liebhaber in allen Gestalten", dessen Text ja von Goethe ist, versagen meine Hände völlig; ich scheue wie ein Höhenängstling an der Schlüsselstelle - nichts geht mehr. Anderes Stück, neues Glück. "Die Lotusblume" von Schumann. Das ist schön leicht, ich kann's sicher, bin wieder im Tritt. Auch "Träume" von Richard Wagner gelingt fehlerfrei, "Der Nussbaum" gar nicht schlecht. Auf dem Gehsteig steht nun eine ganze Gruppe; unser Nachbar hat sich einen Klappstuhl geholt und setzt sich drauf. Ein Flaneur fragt nach italienischen Arien. "Il bacio" von Arditi gelingt erst im zweiten Anlauf, der Versuch, Brahms' "Vergebliches Ständchen" konfusionsfrei darzubieten, ist vorerst, äh, vergeblich. Ein überlautes Motorrad prescht vorbei. Schweiß tropft auf die Tastatur. "Bravo!" und "Zugabe" knattert das Motorrad. Langsam erkenne ich unsere musikalische Konzeption: "Die sehr gute Sängerin und der extrem aufgeregte Pianist". Sollte man genau so auf die Plakate drucken, aber wir haben ja nur unseren Lettern-Leuchtkasten, leider ohne Zahlen, sonst könnte man eine Anfangszeit festlegen. Fürs nächste Mal gibt es also noch einiges zu optimieren. Die Opernfreunde bitten um Visitenkarten. Sowas haben wir nicht. Ein 10-€-Schein flattert durchs Fenster, dann noch ein Fünfer. Wow. Kein ganz schlechtes Salär für 30 Minuten Konzert - klar über Mindestlohn. Anschließend bin ich fix und fertig. Mein erster Auftritt als Pianist nach 39 Jahren. Verbeugen, Händeschütteln, Fenster zu. Nein, etwas aufregenderes habe ich kaum je erlebt. Und überlebt. Oh holde Kunst, ich danke dir dafür. 

Donnerstag, 22. Juni 2017

Fensterkonzert today


TODAY nur, weil keine zwei E mehr da waren, notwendig für ein deutsches HEUTE. Aber neulich musizierten wir bereits bei geöffnetem Fenster, und zwei amerikanische Touristen hörten zu. Ist ja eine ziemlich internationale Gegend, hier am Isartor. Da darf man auch schon mal worldwide announcen. 

Die Sache ist die: Mein persönliches Ziel ist es, mit Teresa eines Tages in der Mehrzweckhalle in Scalloway zu konzertieren, auf den Shetlandinseln, wo ich als ehemaliges Shetlandpony ja hingehöre. Dafür sind jedoch mehrere Zwischenschritte nötig. Meine Motivation ist groß; Teresa begleiten zu dürfen, ist ein zartes Privileg, aber mein Selbstvertrauen als Pianist ist ebenso zart, Folge meines missglückten Klavierunterrichts als Kind. Ich ging widerwillig zu Frau Sandfort, deren aggressiver Yorkshire-Terrier mir den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Ich übte ungern und kannte nach sechs Jahren Etüden alle Arten, die Eieruhr zu manipulieren, Indikator meines täglichen 30-minütigen Paukpensums. Ihren Abschluss fand meine Pianistenlaufbahn bei einem Schülerkonzert. Ich sollte "Der Kobold" vorspielen, ein Zwölftonstück für Kinder von Erich Böhlke, dem Mentor meiner Lehrererin. Ich hatte das Stück nicht im Ansatz begriffen (wer checkt schon Dodekaphonie mit 11), und mein Lampenfieber war übermächtig. Ich wankte auf die Bühne, spielte den ersten Akkord. Filmriss. Schwer atmend meinte ich, den letzten Akkord gespielt zu haben, stand auf, verbeugte mich linkisch und trottete von der Bühne. Niemand in der mit Eltern vollbesetzten Schulaula klatschte - außer meiner Mama. Ende einer Karriere. 

Ende? Nein, jetzt geht's erst los. Und um mich behutsam bühnenfest zu machen, beginnen wir mit Fensterkonzerten. Alles wie bei intimer Hausmusik, nur eben mit geöffnetem Fenster. Möglich ist dies, seitdem Robertos Klavier, das ich als Leihgabe beklimpern darf, direkt neben dem Fenster steht. Premiere war bereits Anfang Mai: Nebenan hatte ein Rauchmelder gesummt, und die Feuerwehr reiste mit schwerem Gerät an. Das laute Tatütata spornte uns an, zur innenstädtischen Beschallung unseren Beitrag zu leisten, was sich angenehm verwegen anfühlte. Und weil es sich um falschen Alarm handelte, war die Stimmung gelöst, passend zu Schuberts "Seligkeit". Sofort war klar: Diese Idee ist bonfortionös. 

Also: Heute wieder Fensterkonzert, mit Liedern von Schubert, Schumann und Wagner. Am Abend. 

Mittwoch, 21. Juni 2017

Kau, schau, wem

Wie lange ich schon Nägel kaue? Wahrscheinlich, seitdem ich nicht mehr am Daumen nuckele, und dies endete abrupt in einer Unterrichtsstunde der ersten Klasse. Frau Uster adressierte mich, den verträumten Hänfling, mit einem empörten "Wigald! Du lutscht doch nicht etwa am Daumen?" Ich zog erschrocken den Finger aus dem Mund, errötete stumm und nuckelte nie wieder. 

Die ersten Hornknabbereien, an die ich mich erinnern kann, hängen mit meinem 10. Geburtstag zusammen. Die Party daheim in Zickzackhausen verlief womöglich nicht, wie ich sie mir vorgestellt hatte; ich bekämpfte meinen Gastgeberfrust mit enerviertem Kauen, und später haute ich mit der mundmanikürten Pranke auf den Tisch und bat lauthals um Ruhe. Warum? Wahrscheinlich hatte ich mich unbeachtet gefühlt, es war ein Hau nach Liebe, und Facebook gab es ja damals noch nicht - Aufmerksamkeit musste man sich reell erarbeiten, zB durch Blut, Schweiß oder Tränen. 

Seither kaute ich immer, auch in wenig nervositätsgeprägten Daseinsepochen, einfach so, als Oralstimulanz, als Zeitvertreib, als Chipsletten-Substitut. 

Einmal war ich in Hamburg zu einem Casting eingeladen, für einen Werbespot, der ein österreichisches Tomatenketchup der Marke "Felix" schmackhaft machen sollte. Ich dürfte etwa 22 gewesen sein, nahm siegessicher am Tisch mit der zu bewerbenden Flasche Platz, griff vor laufender Kamera nach der Ketchupquetsche und hörte sogleich die Stimme des Reklame-Regisseurs: "Nägelkauer nehmen wir nicht. Der nächste bitte!" Nun könnte man meinen, dass man nach einem derartigen Vorfall die Nagelpflegemethoden hinterfragt, bei mir jedoch verursachte der Tag lediglich Trotz, ausserdem einen gewissen Unwillen, sich fürderhin auf Castings zu präsentieren: Nie wieder war ich bei einer solchen Veranstaltung, und "Felix" habe ich mir auch später niemals auf die Pommes gequetscht, klar. Allerdings gelang es mir im Erwachsenenzeitalter immer besser, die Nägel dergestalt zu bezähneln, dass das Ergebnis nicht ungepflegt aussah - von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen, etwa dann, wenn mir das seitlich angrenzende Nagelbett versehentlich zwischen die Beißer geriet und aufgerissen wurde wie eine Chipstüte. 

Circa fünfmal habe ich Versuche unternommen, meine Sucht loszuwerden, immer unter Zuhilfenahme des klassischen "Stop and Grow"-Nagellacks, der per Bitterstoff dem Hornhungrigen klarmacht, was von seinem Appetit zu halten ist. Der Erfolg tritt zuverlässig ein, allerdings liegt die Rückfallquote in meinem Fall bei glatten 100%. Doch so wie Sisyphus immer wieder sein Stein den Berg hinabrollte, so beschäftige ich mich lebenslang mit meinen Nägeln, und zwar mündlich, mal resigniert, mal fiebrig-flamboyant. Sisyphus wird von Camus als glücklicher Mensch beschrieben, und so sitze auch ich lächelnd am Küchentisch; es ist kurz nach vier am längsten Tag des Jahres, und ich habe mir den bitteren Lack auf die Klauen gepinselt. Noch ein Kaffee, dann gehe ich laufen. Die Vögel piepsen schon. 

Montag, 19. Juni 2017

Wandertag mit Stroh, Kohl und Linda de Mol. 

In Leguanos. Und fühle mich damit im Hochgebirge wie die Oulipo-Autoren, die sich immer ein Handycap ausdachten, um die Schreiberei nicht allzu leicht werden zu lassen. Georges Perec etwa, der Anton Foyl erfand, den dicken Roman ohne ein einziges E, und, fast noch besser: in der deutschen Übersetzung gibt's auch keins. Also Wecker um 5, los in Lenggries um 7:20, rauf zum Brauneck, und dann rüber zum Latschenkopf. Von da über den "schweren" Weg (Via Alpina) zur Benediktenwand. Reißerisch-boulevardesker Rundumblick. Geht schon, mit den Dünnschuhen, aber deutlich langsamer als mit Mainstream-Mauken. Ach ja, aufm Kopp trage ich die neue Kreissäge. Schweres Stroh, zumal, wenn es sich mit Schweiß vollsaugt. 

Beim Abstieg zur Tutzinger Hütte gehen mir immer wieder die vielen Kohl-Nachrufe durch den Kopf, und der Spruch "de mortuis nil nisi bene". Warum eigentlich soll man über Tote nur gutes sagen? Ein Facebooker schreibt: "Über Hitler redet man ja auch schlecht". Ein anderer lobt die Jahre unter Brandt und Schmidt als "bunt", findet an Kohl jedoch alles bleiern und oam. Naja; den deutschen Herbst habe ich erlebt, von Mescalero bis Mogadischu; zwischen Brandts und Schmidts Ären gab's doch gewisse Unterschiede. Aber ist eine Weltsicht erstmal in Beton gegossen, gibt's nicht mehr viel zu diskutieren. Wo bin ich? Ach ja, Tutzinger Hütte. Im Wald gerate ich in einen Almauftrieb. Panische, genervte Kühe. Barfuß-Läufer halt, und der Wegschutt ist grob. Nach 25 km erreiche ich Benediktbeuren und ziehe die Schluppen aus. Aua, ist der Asphalt heiß. Ich tunke die Haxen in einen Bach und zähle bis 💯. Ob 🍐Emoticons mochte? Kannte? Hatte Kohl einen Strohhut? Stroh und Kohl ähnelt sich phonetisch, wie mir soheben auffällt, und ich erwäge, bis nach Ohlstadt weiterzuwandern, wegen der Kohnsequenz, oh Wanderlust, begleite mich! Jedoch fallen mir kaum Reime ein, nur L. de Mol - Das war's dann wohl. Jetzt 🚂.


Sonntag, 18. Juni 2017

SUP statt SUV

Klingt wie einer dieser sogenannten Sponti-Sprüche, die früher von sogenannten Freaks an Klotüren geeddingt wurden und in Taschenbüchern gesammelt den Eichborn-Verlag groß und stark gemacht haben (später erfuhr ich, dass die allermeisten dieser Sprüche von Jacky Dreksler erfunden wurden, dem hochverehrten Produzenten von "RTL-Samstag Nacht"). Worauf ich eigentlich hinaus will? Gestern war ich am wunderschönen Wörthsee und bestieg erstmals ein, tja, wie sagt man eigentlich? Ein SUP ist ja nur die Abkürzung des Infinitivs der Tätigkeit, also des Stehauf-Paddelns, während das diesem zugrundeliegende Brett eben lediglich Brett heißt, oder anglizistisch "Board"; man ist "on board", und wenn man dort bleibt, ist alles SUPi, was mir im ersten Anlauf gelang: Ich ging kein einziges Mal von Board, bin ein echtes Stehaufmännchen. Was heißt "SUV"? Special Utility Vehikel, stimmt's? Ein niedersächsischer Spitzenpolitiker wollte mir mal ein solches andrehen, für umme. "Mit'm Touareq kann man sogar Treppen befahren!" Ich antwortete perplex, dass ich nur selten auf Treppen unterwegs sei, auf der A96 gäbe es gar keine, und später erfuhr ich, dass es unter niedersächsischen Regierungsmitgliedern durchaus üblich sei, Kraftfahrzeuge zu verteilen - das läge in der Macht eines jeden VW-Aufsichtsrates, der man als Staatsmann von der Leine eben sei. Wer weiß, ob ich nicht schwach geworden wäre, hätte der Potentat mir ein Board angeboten? Nach dem gestrigen Test kann ich sagen: Während ich SUVs nebst Fahrer von Herzen belächele, finde ich SUPis gar nicht so schlecht. Könnte mir glatt vorstellen, damit eines Tages den Bodensee zu durchqueren. Oder die Leine, längs. Oder den Pazifik. Und sollte ich eines Tages VW-Aufsichtsrat werden, werde ich mich für eine Produktionsumstellung einsetzen: Drahtesel statt Diesel, Muckis statt Motoren, SUP statt SUV. Geschenkt. 

Samstag, 17. Juni 2017

Der Auftrag lautet: Das Vertrauen darf nicht enttäuscht werden.

Kohl. Als er Kanzler wurde, war ich fünfzehn, hätte mich selber eher "links" genannt und stimmte sogleich ein in den Chor derer, die sich für schlauer hielten und Kohl für einen biederen Einfaltspinsel. Es war die Zeit des NATO-Doppelbeschlusses, die Schülerschaft der Cäcilienschule ging geschlossen zur Demo, mit Ok der Schulleitung, und die wenigsten durchdachten wenigstens einmal ernsthaft die Argumente der Gegenseite. Genscher galt folglich als Verräter, die "geistig-moralische Wende" als Irrweg, Verheugen als Held. 

In den weiteren 80ern kümmerte ich mich immer weniger um Politik, bis zur großen DDR-Tournee 1987. Dort waren wir Westler gezwungen, über die Grundlagen nachzudenken. Was ist eine Demokratie, welche Folgen hat die Diktatur? Auf welcher Seite stehst Du? Umringt von Stasi rund um die Uhr wurde ich zum überzeugten Anhänger der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung", und alles, was passierte, nachdem Ungarn im Sommer 89 den Grenzzaun öffnete, erfüllte mich mit prickelndem Glücksgefühl. Kohl schuf in dieser Phase sein Meisterstück, indem er die deutsche mit der europäischen Einheit kombinierte. Besser als Bismarck, viel besser. Kohl ist wahrscheinlich der größte deutsche Politiker überhaupt, und es fühlt sich nicht einmal seltsam an, dies so zu sagen. 

Was Europa angeht, wird er mich auch weiterhin inspirieren. Er gehörte zu jenen, die Schlagbäume zersägten, oder die er mit seinem Gewicht zerbrach, einfach durch Draufsetzen, buchstäblich, als Jugendlicher, und zwar ohne Zustimmung der Schulleitung. Er hat für seine Überzeugung mehr in die Waagschale gelegt als ich bislang. Aber ich kann ja aufholen; es ist noch Zeit. 

Ich persönlich habe durch Kohl aber auch gelernt, wie falsch es sein kann, einen Menschen nach seinem ersten Eindruck zu beurteilen, nach seiner vermeintlich provinziellen Redeweise. 

Vorletztes Jahr bin ich in Landau aufgetreten, in der Pfalz, und ich habe mir im Lokal einen Pfälzer Saumagen bestellt. Nichts spektakuläres, schmeckt wie Bratwurst. Ein "ehrliches", unprätentiöses Essen. Ich stellte mir vor, wie Mitterand das Mahl gemundet haben mag. Dessen Zustimmung zur deutschen Einheit gab es nicht umsonst. Sie kostete quasi einen Euro. Sein Vertrauen musste erkämpft werden, und Kohl hat's geschafft. 

Der Auftrag an uns lautet: Das Vertrauen darf nicht wieder enttäuscht werden, weder bei Franzosen, noch bei anderen Europäern, nicht bei den Russen, und auch nicht bei den Amerikanern.

Danke. 

Freitag, 16. Juni 2017

Gute Nacht - die Show vorm Einschlafen

wurde erfolgreich magnetisiert und aufgezeichnet. Drei sehr unterschiedliche Folgen, und in allen lernte ich entscheidendes über das Schlafen. Jorge Gonzales, der gestern bei mir im Showbett lag, verwendet ein Buch als Einschlafhilfe, aus Kuba, jahrzehntealt. Er hat das Buch schon oft gelesen, kennt jede Zeile, und entschlummert bei der Lektüre zuverlässig und umgehend. Übrigens ist er diplomierter Nuklearökologe, knapp so alt wie ich, und zum Studium reiste er von Kuba in die Tschechoslowakei. Also Sowjetzeiten, Tschernobyl, damals, im kalten Krieg. Wir Veteranen. 

Auf dem Bild trage ich ein sogenanntes Gadget für unterwegs: Ein aufblasbares Reisekissen. Glaube ich. Man kann damit den Kopf auf einer Tischplatte ablegen - eine Schlafposition, die ich noch nie eingenommen habe.

Hier sieht man mich auf dem Weg zur Arbeit durch die Gänge des Thaliatheaters in Hamburg. Unten auf der Hauptbühne laufen "Die Weber" von Hauptmann. Waren die nicht manchmal ähnlich gekleidet wie ich? Trugen nicht bis vor kurzem überhaupt alle deutschen Michel Zipfelmütze? Wenigstens, wenn sie keine Pickelhauben trugen?


Nach 10 Tagen Reiserei und Lampenfieber freue ich mich auf ein paar Tage Rumlungern dahoam. Arbeit ist nichts für mich. Eigentlich habe ich für Arbeit auch gar keine Zeit. 

Mittwoch, 14. Juni 2017

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Im Hotelkellerpool ist das Wasser warm wie Kamillentee, dabei deutlich stärker chloriert. Die Temperatur drückt aufs Tempo; um Schwitzattacken und Kreislaufzusammenbrüche zu vermeiden, bewege ich mich in Zeitlupe von Beckenwand zu Beckenwand. Auf Rollwenden verzichte ich, sie erscheinen mir zu anstrengend, zumal der Pool nur 20 Meter misst und ich eh einen Großteil meines "Trainings" mit Abstoßen & Gleiten beschäftigt bin. Abstoßen & Gleiten: Guter Titel für eine Fachzeitschrift; erinnert an "Abschleppen und Bergen", deren Chefredakteur ich einst in Kanada kennenlernte (arbeitet heute bei "Die Gummibereifung").

Schlappert zähle ich die Bahnen, wechsele lustlos zwischen Brust und Kraul. Mit jeder Bahn, so stelle ich mir vor, dringe ich tiefer in die Erdkruste ein. Jules-Verne-Weh. 

Vorteil dieses Gewässers: Wenig los. Neben mir ist nur ein Mädchen unterwegs, prä-Backfisch, also quasi Fisch, ungegart. Wird sich aber schnell ändern in der Brühe. Als wir uns dem Erdkern nähern, droht sie zum Kochfisch zu werden und steigt aus. 

100 Bahnen sind 2 km, ich komme auf 106, dann wird mir die Magma-Masse zu heiss; ich bekomme kalte Füße und werfe das Handtuch, wie man im Boxsport zu sagen pflegt. D'accord, im Schwimmsport wirft man's nicht, man holt es sich und rubbelt. 

Den Rest des Tages werde ich von Hitzewallungen ereilt. Ungünstig, zumal ich im "Nachtasyl" im Thalia-Theater schaffe, und zwar "Gute Nacht - die Show vorm Einschlafen " für den NDR. Und über Mangel an Wärme kann man sich auch an diesem Drehort nicht beklagen. 🥝 macht auch mit und Wolfgang Trepper, sowie Prof. Till Roenneberger, Koryphäe der Chronobiologie und Erfinder des Begriffs "Sozialer Jetlag". Schöne Sendung. 


Dienstag, 13. Juni 2017

I ❤️ Kreissäge

Es passiert mir selten, dass ich mich verzugsfrei in ein Kleidungsstück verschieße. Im Alsterhaus passierte mir just dies. Ich schlenderte durch die Herrenabteilung, und schon aus 100 m Entfernung entdeckte ich den Hut meines Vertrauens: Eine besonders schwere Kreissäge in bürgerlicher Qualität. Das Beste aus den Welten von Birgit Breuel und Buster Keaton in einem Kopfschmuck quasi. Ich beschleunigte, näherte mich, setzte Deckel auf Eimer und konnte sogleich einen außergewöhnlichen Sitz attestieren: 1% zu groß - so lautet bekanntlich unter uns Kreissägern die Faustregel, nach welcher der vegetabile Hut auszuwählen ist, um Druckstellen am Döz zu vermeiden. Ich zahlte moderate 69 €, und seither habe ich die Strohkrone nur zum Nachtschlaf abgesetzt. Durch seine mehrlagige Verarbeitung wiegt die Stabil-Mütze gefühlte zwei Kilo, was zu einem besonders aufrechten, bewussten Gang führt. Auch beim Barfuß-Laufen könnte mir der Hut möglicherweise behilflich sein, nämlich, um mich "angezogener" aussehen zu lassen und so den einen oder anderen abschätzigen Blick zu unterbinden. Bei Sturm könnte allerdings eine Lage Teppichklebeband vonnöten sein, um Hutflug zu verhindern. 

Montag, 12. Juni 2017

Unsere erste Tandem-Tour

Ganz kurz entschlossen. Wir legen zwanzig Euro auf den Tisch des Fahrradverleihs beim Chilehaus und dürfen dafür vier Stunden ausfahren. "Wer sitzt vorne?" fragt der Verkäufer, und ich hebe selbstbewusst den Finger. Pi x Daumen passt er die Sattelhöhen an, dann werfen wir unseren Kram ins Körbchen und legen los. Uaa, ist das aufregend. Schon das Aufsteigen fällt mir schwer. Wenn die Freundin hinten sitzt, und ich schwinge meine Beine hinterwärts übern Gepäcker, landen diese in ihrem Gesicht. Also besser vorne übers Oberrohr führen. Und dann los, wackel-wackel. Da die Geradeausfahrt besser klappt als das Kurvisieren, rollen wir zunächst die Elbchaussee hinunter bis nach Teufelsbrück. Die Ballonreifen des Gefährts ermöglichen in Kombination mit den Traktorensätteln ein sattes, schweres, süffiges Sausen. Kleinere Schlaglöcher bleiben völlig unbemerkt. Gut, bergauf ist die Sache nicht leichter als mit einem Einpersonenvelo, aber das mag auch mit ungleich verteilter Wattpower zusammenhängen. Mag. Mich stört die Tatsache, heute fester treten zu dürfen, keineswegs - das erhöht den Trainingsreiz, außerdem kann man durchs eifrige Pedalieren seine Ritterlichkeit belegen. 

Das Wetter ist sommerlich, und ab Teufelsbrück ist der Elbuferweg voll. Jetzt ist Geschicklichkeit gefragt. Ich klingele ungern, das widerspricht meinem Naturell, darum heißt es umsichtig Lücken erspähen und hindurch huschen. Huschen? Alle abrupten Antritte verlangen Teamkoordination, und das klappt wohl am besten per Zuruf. "Und los!" Nebeneffekt des Kommandos: Es ersetzt das Klingeling. 

Wer hinten sitzt, hat ansonsten ein feines Leben, darf sich am Anblick der Elbe ergötzen, Zerstreuung in Tagträumereien finden und sogar Duo-Schaufenster-Selfis knipsen:


Wir radeln bis zum Leuchtturm in Wittenbergen, dann kehren wir um, ein in Blankenese und geben das Gefährt nach dreieinhalb Stunden wieder beim Verleiher ab. Nach kurzer Siesta besuche ich "Inas Nacht" (bin in einer Sendung mit Joey Kelly), und in der Zeit zwischen Musikprobe und Sendung studiere ich die Tandemme bei eBay. Am schnuckeligsten finde ich ein picnik- Klapptandem aus den 70ern. Sieht gut aus, taugt aber wahrscheinlich eher für Kurzfahrten. Weitersuchen. Tagesfazit: Da könnte sich ein interessantes neues Feld auftun. 

36 km Tageskilometer. 

Sonntag, 11. Juni 2017

Frieda, das Faultier

Frieda hangelt träge an einem Klettergerüst und beäugt mäßig interessiert die Anwesenden. Die äugen deutlich interessierter zurück. Ich bin im Studio Hamburg, beim "Quiz der wilden Supertiere" mit Jörg Pilawa. Vom Hauptbahnhof kommend bin ich barfuß 10 km die Wandsbeker Chausee hinunter getrabt und habe mir nach Ankunft ein frisches Hemd angezogen. In meiner Dispo lese ich zudem, dass ich keine kurze Hose tragen darf. Eine Erklärung kann (oder mag) mir niemand geben. Ob's mit irgendeinem Tier zusammenhängt, auf das ich in der Show stoßen könnte? Oder wünscht man, dass ich "seriöser" rüberkomme? Altersgemäßer? Ich bin ja der begeistertste Kurzhosenträger, den ich kenne; im Sommer sind mir lange Hosen ganz einfach lästig. Bodenlange Beinkleider fühlen sich an, als fasse mir jemand mit besonders schlabbrigem Griff unablässig an die Waden. Dennoch füge ich mich artig, schaffe es korrekt bekleidet bis ins Finale, um dort kläglich zu versagen. Egal, ist ja nur Fernsehen. 

Anschließend ziehe ich mich ruckzuck wieder aus und laufe zurück. Versuchsweise nutze ich den Wanderweg an der Wandse, der jedoch recht pieksig ist. Unwillkürlich weiche ich auf die frisch gemähten Rasenflächen aus. Das fühlt sich zwar wunderbar weich an, birgt aber auch gewisse Gefahren. Welche, erfahre ich auf einem schmalen Wegrain, nach einer halben Stunde Jogging: Es macht plötzlich "Quitsch", unterm Fuß erspüre ich punktuell eine besonders flexible, schmiegsame Substanz. Nein, Softeis ist es nicht, was sich da zwischen meinen Zehen aufwärts zwängt. Jedenfalls kenne ich keine Softeis-Sorte in dieser Farbe. Hazelnut-Choc? Ganz theoretisch denkbar. Ich spare mir eingehende Tests, wische die Mauke, so gut es geht, an der Vegetation ab, um anschließend wieder auf die Wandsbeker Chausee zu wechseln. Da weiß man, was man hat. Und sieht, was kommt. Immerhin passt der Vorfall zum Auftritt bei den "wilden Supertieren". Frieda, ich hab Dich lieb! 

Samstag, 10. Juni 2017

Graf Dracula an der Leine

'Hannover ist noch doofer" pflegten wir Bremer Zivis in den 80ern zu sagen. Papperlapapp. Ich freue mich immer, wenn ich aus dem Hauptbahnhof hinaus trete; mein erster Weg führt hinüber zum singenden Gully, einer der coolsten Sehenswürdigkeiten, die ich kenne, und zwar weltweit. Kaum 100m entfernt befindet sich das Hotel Mussmann. Statt Zimmernummern hat dorten jedes Zimmer einen Namen, der mit Hannover in Zusammenhang steht: Eilenriede, Schiller, Maschsee etc. Auch die Etagen sind nicht numeriert, sondern heißen Herrenhausen, Innenstadt usw. Der Erklärbedarf an der Rezeption ist enorm, aber auf Nachfrage versichert das Personal, das System habe sich bewährt. "So kommen wir mit unseren Gästen ins Gespräch!" 

Ein ähnliches Konzept ist in der Hirnforschung schon seit längerem bekannt: Beim Auswendiglernen ist es hilfreich, jeder Zahl einen Gegenstand, einen Ort zuzuordnen, so dass man sich quasi eine Geschichte merkt. Meine Telefonnummer etwa lautet: "Ein Rosettenmeerschwein flog, nur mit einem Zylinderhut bekleidet, im Mistral nach Antwerpen, um im dortigen Hauptpostamt Disko-Fox zu tanzen" (Leider weiß ich nicht mehr, welchem Wort ich welche Zahl zugeordnet habe, aber das ist nicht schlimm. Ich habe nur selten das Bedürfnis, mich anzurufen)

Hannover, die Stadt der Ursonate, habe ich in den letzten Jahren schätzen gelernt. Und der Eisbrecher war Ernst-August, der Prügelpipiprinz. Den fand ich angenehm entfesselt. Brutalistischer Adel, waschbetonköpfig wie das Pflaster am singenden Gullydeckel - So'ne Art Graf Dracula an der Leine.

Meine "Im Zelt"-Lesungen sind derzeit von hartnäckiger Heiserkeit geprägt. Eine Kehlkopfentzündung, so erfahre ich, kann sich über sechs Monate erstrecken - wenn man sie nicht richtig ausheilt. In Hildesheim verwies ich noch auf einen Virus als Erklärung, gestern in Hannover behauptete ich, beim Wildeshauser Gildefest eine Woche durchgefeiert zu haben. Für Schützenfest-Schäden haben gerade Hannoveraner mehr Verständnis als für schnöde Schüpfeleien. 

Die Buchhandlung, in der ich lese, befindet sich gegenüber vom alten Rathaus, und während ich auf meinen Auftritt warte, fotografiere ich dessen Dach, das mich, auf den Kopf gestellt, an ein Dracula-Gebiss erinnert.